In den letzten drei Jahren haben wir mit über 40 KMU gesprochen, die zuvor von einer anderen Digitalagentur abgesprungen sind. In neun von zehn Fällen hätten die Probleme im ersten Gespräch erkannt werden können — wenn die richtigen Fragen gestellt worden wären.
Die Wahl einer Digitalagentur ist eine Beschaffungsentscheidung mit Quartalsbudget-Größe. Sie sollte mit derselben Sorgfalt getroffen werden wie ein Lieferanten-Vertrag in jedem anderen Bereich Ihres Unternehmens. Trotzdem entscheiden viele KMU nach Bauchgefühl, Sympathie oder dem Eindruck eines schicken Pitch-Decks.
Dieser Leitfaden ist der Fragebogen, den wir uns selbst stellen lassen würden, wenn wir auf der anderen Seite des Tisches säßen. Keine Trick-Fragen — nur die zwölf, die ehrliche Anbieter von theatralischen trennen.
Sie werden in einem 60-Minuten-Erstgespräch nicht alle zwölf Fragen abarbeiten. Wählen Sie die fünf wichtigsten für Ihre Situation, stellen Sie sie konkret und schriftlich nach. Wenn ein Anbieter bei mehr als drei dieser Fragen ausweicht, gibt es einen Grund — und der Grund kostet Sie später Geld.
1. Wer baut wirklich, wer vermittelt nur?
Die wichtigste Frage zuerst. Viele "Full-Service-Agenturen" im DACH-Raum sind faktisch Sales-Layer, die an Freelancer-Pools oder Offshore-Teams weiterleiten und 30 – 80 % Marge oben drauflegen. Das ist nicht per se schlecht — aber Sie sollten es wissen.
Worauf achten:
- Konkrete Namen der Beteiligten, nicht "unser Team"
- Können Sie die Personen vor Vertragsabschluss sprechen?
- Sitzen sie im selben Unternehmen oder sind sie Subkontraktoren?
- Wie viele Stunden pro Woche sind sie für Ihr Projekt verfügbar?
Rote Flagge: "Wir haben ein eingespieltes Team, mit dem wir oft arbeiten" — bei Nachfrage stellen sich heraus, dass es Subkontraktoren ohne Anstellung sind, die parallel an 15 anderen Projekten arbeiten.
2. Wie transparent ist das Pricing?
Ein Pauschalpreis ohne Aufschlüsselung ist ein Risikosignal. Eine seriöse Agentur kann Ihnen sagen, wofür Sie zahlen — Stunde für Stunde, Komponente für Komponente. Niedrige Preise sind selten kostenlos: irgendwo wird gespart, und Sie sollten wissen wo.
Worauf achten:
- Stundensatz sichtbar (auch bei Pauschalangeboten)
- Setup-Phase separat von laufenden Kosten ausgewiesen
- Transparente Liste, was inkludiert ist und was extra
- Schriftlich, nicht nur im Verkaufsgespräch
Rote Flagge: "Wir machen einen Komplettpreis, da müssen Sie sich keine Gedanken machen" — Übersetzt heißt das oft, dass die Marge über dem Marktdurchschnitt liegt und nicht darstellen werden soll.
3. Wem gehört der Code, das Konto, die Daten?
Eines der häufigsten Probleme: Eine Agentur baut Ihre Website auf ihrem Hosting, mit ihrem CMS-Konto, das Google-Ads-Konto läuft auf ihren Namen. Wenn Sie wechseln wollen, beginnt eine zähe Übergabe — oder Sie verlieren historische Daten komplett.
Worauf achten:
- Domain registriert auf Ihren Namen
- Hosting-Account auf Ihren Namen
- Google Ads, GA4, Meta Business Manager — Ihre Accounts, Agentur als Manager
- Source Code in Ihrem Git-Repository (GitHub/GitLab), nicht im Agentur-Account
- Design-Files in Ihrer Figma-Organisation
- Schriftliche Zusicherung der Übergabe nach Vertragsende
Rote Flagge: "Das übernehmen wir alles für Sie, das ist einfacher" — bequem für die Agentur, gefährlich für Sie. Sie zahlen, also gehört es Ihnen.
4. Welche Erfolgskennzahlen sind im Vertrag?
Wenn KPIs nicht im Vertrag stehen, sind es keine KPIs — es sind Hoffnungen.
Die meisten Verträge enthalten Liefer-Milestones (Website live, Kampagne aktiv) — aber keine Performance-Milestones. Ein guter Vertrag definiert mindestens eine messbare Erfolgskennzahl pro Quartal.
Worauf achten:
- Konkrete KPIs: qualifizierte Leads pro Monat, Conversions, Cost per Lead, Sichtbarkeit
- Messmethode definiert: woher kommen die Zahlen, wie werden sie verifiziert
- Zwischen-Reviews: was passiert bei Unterschreitung der Ziele
- Klare Trennung zwischen Lieferung (was gemacht wird) und Wirkung (was es bringt)
Rote Flagge: "Wir versprechen keine spezifischen Ergebnisse, weil zu viele externe Faktoren mitspielen." Diese Aussage ist halb richtig — aber ohne jede Zielvereinbarung ist ein Vertrag sinnlos. Eine seriöse Agentur formuliert Ziele mit klaren Annahmen und macht sie verhandelbar.
5. Wie wird gereportet — und wie oft?
Monatliches Reporting ist Pflicht. Wöchentliches ist bei aktiven Performance-Kampagnen Standard. Was Sie sehen sollten, ohne danach fragen zu müssen:
- Ist-vs-Soll auf den vereinbarten KPIs
- Was wurde getan in der Periode (konkret, nicht "Optimierungen durchgeführt")
- Was wird als nächstes getan und warum
- Was läuft nicht und welche Hypothesen getestet werden
Worauf achten:
- Reporting-Demo vor Vertragsabschluss (mit anonymisierten echten Daten, nicht Demo-Mockups)
- Live-Dashboard verfügbar oder nur Monats-PDF?
- Zugriff auf Rohdaten (Google Ads, GA4, Search Console) — nicht nur aggregierte Reports
Rote Flagge: Das Beispiel-Reporting enthält nur grüne Pfeile, Tortendiagramme und Buzzwords wie "Engagement", "Reach", "Awareness" — aber keine Conversion-Zahlen, keine Ehrlichkeit über das, was nicht funktioniert.
6. Welche Exit-Klauseln gibt es?
Mindestlaufzeiten sind im Performance-Marketing oft sinnvoll — Google Ads brauchen 90 Tage Datensammlung, SEO mindestens 6 Monate. Aber die Exit-Bedingungen entscheiden, wie sich die Beziehung anfühlt.
Worauf achten:
- Mindestlaufzeit 3 – 6 Monate, danach monatlich kündbar
- Vollständige Übergabe binnen 14 Tagen schriftlich zugesichert
- Format der Übergabe definiert (Datenexport, Account-Transfer, Code-Übergabe)
- Keine "Datenrückhaltung" als Druckmittel
Rote Flagge: Mindestlaufzeit über 12 Monate. Gute Agenturen binden Kunden durch Ergebnisse, nicht durch Verträge.
7. Wer hat die strategische Entscheidungshoheit?
Wenn jede Änderung durch drei Hierarchie-Stufen muss, kommt die Optimierung nie an. Bei Performance-Marketing ist Geschwindigkeit ein Wettbewerbsvorteil — wer eine Woche braucht, um eine Anzeige anzupassen, optimiert Markteffekte aus dem letzten Quartal.
Worauf achten:
- Wer trifft taktische Entscheidungen (Bid-Anpassungen, Anzeigen-Texte) — Senior-Person oder Junior?
- Wer trifft strategische Entscheidungen (Kanal-Wechsel, Budget-Verteilung)?
- Wie schnell können Sie selbst Änderungen anstoßen — gibt es Wartezeiten?
Rote Flagge: Bei jeder Frage muss "ich frage das Team" oder "ich kläre das mit der Führung". Das deutet auf Vermittler-Strukturen hin.
8. Wie wird Wissen dokumentiert?
Wenn die Schlüsselperson kündigt, geht das Projekt-Wissen mit ihr. Bei einer professionellen Agentur ist Onboarding-Übergabe ein dokumentierter Prozess, kein "ich erkläre dem Kollegen mal kurz".
Worauf achten:
- Notion, Confluence oder vergleichbare Knowledge-Bases?
- Loom-Videos für Konto-Setups, Reportings, Custom-Workflows?
- Wenn Sie morgen kündigen — wie lange braucht ein Folge-Anbieter, um alles zu verstehen?
Rote Flagge: "Wir haben das alles im Kopf, aber bei Bedarf erklären wir es" — bei einem 80.000-€-Jahresvertrag ist das nicht akzeptabel.
9. Welche Tools werden verwendet — und warum genau diese?
Tool-Wahl spiegelt Reife. WordPress + Elementor ist nicht falsch, aber wenn die Agentur nichts anderes kann, ist das ein Signal. Für Performance-Marketing: nutzt sie noch manuelle Reports oder hat sie Bid-Management-Tools im Stack? Server-Side-Tracking als Standard oder als "Premium-Feature"?
Worauf achten:
- Konkrete Tool-Liste (nicht nur Marken-Namen, sondern eingesetzte Versionen)
- Warum diese Auswahl — gibt es eine technische Begründung?
- Welche Tools sind Standard, welche werden zusätzlich abgerechnet?
Rote Flagge: Die Agentur kann nicht erklären, warum sie das eine über das andere Tool wählt. "Damit arbeiten wir halt seit Jahren" ist keine Begründung.
10. Gibt es echte Referenzen mit konkreten Zahlen?
"Wir haben für Kunde X gearbeitet" ist keine Referenz — das ist ein Kunden-Logo. Eine echte Referenz enthält Ausgangslage, Maßnahmen und messbare Ergebnisse.
Worauf achten:
- Konkrete Zahlen-Referenzen: "Wir haben den CPL von 120 € auf 45 € gesenkt in 4 Monaten"
- Bereitschaft, mit zwei oder drei Bestandskunden direkt zu sprechen
- Case-Studies mit Zeitraum, Branche, Budget-Größe
- Ehrlichkeit über Kunden, die nicht erfolgreich waren — und warum
Rote Flagge: Nur Logos auf der Website, keine Zahlen, keine Direkt-Kontakt-Möglichkeit. Oder: "Aus Vertraulichkeitsgründen können wir keine Details teilen" — bei jedem Kunden, ohne Ausnahme. Bei mindestens 30 % Ihrer Kunden sollten Sie offen sprechen können.
11. Wie wird mit Konflikten umgegangen?
Jedes längere Projekt hat einen Konflikt. Eine seriöse Agentur kann Ihnen erzählen, wie der letzte aussah und wie er gelöst wurde — nicht abstrakt, sondern konkret. Das Vorhandensein von Konflikten ist nicht das Problem; das Fehlen ihrer Erinnerung ist.
Worauf achten:
- Konkrete Konflikt-Beispiele (anonymisiert) und Lösungswege
- Eskalations-Prozess intern: wer entscheidet, wenn der Account-Manager und Sie unterschiedlicher Meinung sind?
- Bereitschaft, schwierige Themen früh anzusprechen, statt sie zu verstecken
Rote Flagge: "Wir haben eigentlich nie Konflikte" — entweder sehr selten ein neuer Kunde, oder sehr unehrlich.
12. Würden Sie selbst dieses Angebot kaufen?
Die schwierigste Frage und die ehrlichste. Eine gute Antwort beginnt mit "Ja, weil ..." und nicht mit "Selbstverständlich". Sie zwingt den Verkäufer, die Logik aus Kundensicht zu artikulieren.
Worauf achten:
- Wird die Frage ernst genommen, oder als Smalltalk abgewunken?
- Kann der Anbieter konkrete Gründe nennen, warum genau dieses Angebot für Sie passt?
- Kann er Alternativen benennen, die für Sie schlechter wären — und warum?
- Gibt er eine Grenze an, ab der er Ihnen vom Kauf abraten würde?
Rote Flagge: Glatte Antwort ohne nachdenken. Oder: keine Vorstellung davon, was nicht passen würde — eine Agentur, für die wirklich jeder Kunde passt, hat kein Profil.
Wie Sie die Antworten bewerten
Eine einfache Punkte-Heuristik: Pro Frage 0 / 1 / 2 Punkte vergeben.
- 0 Punkte — Frage wurde ausgewichen, vage beantwortet oder mit Floskel quittiert
- 1 Punkt — Frage wurde solide beantwortet, aber ohne tieferen Kontext
- 2 Punkte — Frage wurde konkret, mit Beispielen und ehrlich beantwortet
| Gesamtpunktzahl | Interpretation |
|---|---|
| 20 – 24 | Seriöser Anbieter, weiterverhandeln |
| 14 – 19 | Brauchbar, aber gezielt nachhaken |
| 8 – 13 | Skeptisch bleiben, Referenzen prüfen |
| 0 – 7 | Suchen Sie weiter |
Diese Skala ist keine Wissenschaft — sie ist ein Strukturierungs-Tool. Manche Anbieter sind in einer Frage exzellent und in zwei anderen schwach; das macht sie nicht automatisch zu schlechten Partnern. Aber Muster sehen Sie nur, wenn Sie strukturiert vergleichen.
Zusatz: drei Fragen, die Sie sich selbst stellen sollten
Bevor Sie überhaupt mit Anbietern sprechen, klären Sie diese drei intern:
- Was ist Ihr Budget — wirklich? Nicht "so wenig wie möglich". Sondern: Was ist die Obergrenze, ab der das Projekt sich für Sie nicht mehr lohnt? Diese Zahl gehört in die ersten 10 Minuten jedes Erstgesprächs.
- Was ist Ihr Erfolgskriterium nach 6 Monaten? Wenn Sie keines haben, wird es jede Agentur für Sie definieren — auf eine Art, die ihr selbst gut tut.
- Wie viel Zeit können Sie selbst investieren? Eine "wir wollen einfach nur abgeben"-Erwartung kollidiert mit der Realität. Auch die beste Agentur braucht Ihren Input — wöchentlich, nicht quartalsweise.
Wer diese drei Fragen vor dem Erstgespräch nicht beantworten kann, gibt der Gegenseite zu viel Definitions-Macht.
Fazit: Beschaffung statt Bauchgefühl
Die häufigste Fehlentscheidung von KMU bei Agentur-Auswahl ist nicht "die falsche Agentur gewählt" — sondern "die Wahl nach falschen Kriterien getroffen". Sympathie, Pitch-Qualität und Office-Atmosphäre sind keine Auswahl-Kriterien. Verfügbarkeit, Transparenz, Vertragsstruktur und Daten-Ownership sind.
Wenn Sie aktuell mit einer Agentur sprechen und unsicher sind, ob sie zu Ihnen passt: Schicken Sie uns die Antworten auf 5 dieser 12 Fragen, und wir geben Ihnen eine externe Einschätzung. Kostenloses 30-Minuten-Erstgespräch — keine Verpflichtung, kein Pitch. Wir bewerten objektiv, auch wenn Sie sich am Ende für jemand anderen entscheiden.
Was wir gelernt haben: Die meisten KMU bereuen weniger den Preis ihrer Agentur als die Klauseln im Vertrag. Diese 12 Fragen verhindern beides — wenn Sie sie früh genug stellen.